Freie Projekte: US III OBEROLMERWALD: Tanzende Stelen Im Wald
Kunstprojekt im ehemaligen Militärgelände "US3 Oberolmerwald"
Breda tanzt. Eigentlich wollte sie nicht, aber der Musiker kannte eine irische Ballade. Ihre Eltern kamen aus Irland, und da ließ sie sich doch hinreißen. So wiegt sie sich ganz gelöst in den Hüften, vor ihrem Haus in Meade/Kansas. Valentina aus Nishnij Nowgorod arbeitet in einer Bäckerei, und als sie zu einer russischen Weise die Beine wirft, kommen die vollen roten Locken unter ihrer Haube zum Vorschein. Ulla tanzt eher still für sich. Sie lebt in Paderborn. Direkt am Friedhof, wo ihr Mann begraben ist.
Ist er im Krieg geblieben? Man weiß es nicht. Und es macht letztlich auch keinen Unterschied. Denn diese drei Frauen in Amerika, Russland und Deutschland, nach dem Zufallsprinzip ausgesucht, stehen mit sechs weiteren nicht für den Krieg. Sie stehen für den Frieden. Lebensgroß, unbeschwert, tanzend. Auf neun Stelen aus Doppelglas, jeweils 2,50 Meter hoch, begegnen die Spaziergänger ihnen ab heute im Oberolmer Wald.
Auf einem Rundweg von vier Kilometern Länge hat die Mainzer Künstlerin Ursula Bertram hier diese Zeichen des Friedens gesetzt. Die gestern dauerhaft installierten Stelen sind der Abschluss eines dreiteiligen Kunstprojektes auf dem vom Land Rheinland-Pfalz als Waldlandschaft rückgebauten ehemaligen amerikanischen Militärstützpunkt. Im Auftrag des Innenministeriums installierten dort 1996 zwölf Künstler temporäre Arbeiten in den inzwischen entsorgten Bunkern. Über 5000 Besucher erlebten diese Konfrontation zwischen Kriegsgeschichte und Kunst. 1999 schuf die Münchener Künstlerin Dörthe Bäumer als Land-Art-Projekt einen strategischen Hügel – mit Margeritenfeldern. Und jetzt die Stelen von Ursula Bertram, von der auch die Idee zu dem Gesamtprojekt stammt.
Im Jahr 2000 tippte sie mit verbundenen Augen auf einen russischen Globus, ein Verfahren, das sie immer weiter mit Militärkarten verfeinerte, bis drei Häuser in Russland übrig blieben. Mit einem Kamerateam, einem Fotografen und einem Musiker machte sie sich auf die Reise – unangemeldet. Bei einer Familie wurde sie zwei Tage nur weggeschickt. Dafür endete der dritte Tag mit einem Fest.
Ursula Bertram, deren Brunnenentwurf für das Dernsche Gelände in Wiesbaden kürzlich den ersten Preis erhielt, legte so 15000 Kilometer weltweit auf ihrem Weg zu den von ihr ausgewählten Häusern zurück. Der Zufall, der war ihr wichtig dabei, „es hätte jeden treffen können“. Wie im Krieg.
Um das zu verdeutlichen zeigen die Stelen mit Siebdruck auf Glas neben einem Blick in Wohnzimmer von Hickory bis Holzkirchen auch die Karte – mit einer Zielscheibe. Dazu einige Sätze über die Menschen, die dort leben. Und natürlich immer einer von Ihnen groß, in einer Völkerverständigung, die ohne Übersetzer auskommt: Tanzend.
Allgemeine Zeitung Mainz – Brigitte Lamparth